zurück

LESEPROBEN

 


LVI.
DER EINMARSCH

Im Sommer des politisch so turbulenten Jahres 1968, als man schon den Eindruck gewinnen konnte, der tschechische Sozialismus würde tatsächlich in Richtung auf mehr Freiheit und Menschenrechte umgestaltet, bekam ich das überraschende Angebot von Boženka, mit ihrer Mutter, dem Bruder und der jüngeren Schwester einen zweiwöchigen Urlaub in Bulgarien zu verbringen. Es handelte sich dabei offensichtlich um den letzten Versuch, unsere zerbrochene Beziehung wieder aufleben zu lassen; darüber machte ich mir nicht viele Gedanken. Die Vorstellung, in einem "richtigen" Meer baden zu können, war für mich zu verführerisch. Ich sagte zu, nachdem mir meine Eltern zugesichert hatten, die einfache Bahnfahrt in die bulgarische Hafenstadt Varna zu bezahlen. Im Auto hatte ich bei der Hinfahrt keinen Platz - außer den vier Personen und zwei Zelten mussten dort noch Unmengen an Fleischkonserven, Bier und Teigwaren mitsamt einer kleinen Feldküche untergebracht werden, nach dem gutem alten Sprichwort der tschechischen Urlauber - Omnia mea mecum porto. Allein schon das Benzin für die Fahrt war so teuer, dass man an eine Verpflegung in Restaurants gar nicht erst denken konnte.

Meine Zugfahrt dauerte ziemlich genau sechsunddreißig Stunden. Ich fuhr zunächst von Proßnitz nach Brünn und bestieg dort eine Art "Orientexpress". Es war ein ganz normaler tschechischer Schnellzug mit dem Ziel Varna. Über Preßburg bis nach Budapest ging es in dem Zug noch zivilisiert zu. Er war kaum besetzt und ich konnte mir Hoffnung auf eine angenehme Reise machen. Das Wetter war an diesem 6. August für die Reise geradezu optimal. Nicht zu heiß, sonnig mit leichter Bewölkung und schwachem Wind. In Budapest - also schon nach wenigen Stunden - war es leider mit dem Vergnügen aus. Eine pittoreske Horde lärmender Südosteuropäer fiel über den Zug her und nahm ihn in Beschlag. Ungarische Bauern, bulgarische und rumänische Fabrikarbeiter, jugoslawische Luden, jede Menge Zigeuner: Der Sprachenwirrwarr war genauso unglaublich wie die Bekleidung dieser Leute und ihre knoblauchgesunden schnapsdurchtränkten Körperausdünstungen. Draußen wurde es etwas wärmer, drinnen im Zug ziemlich heiß und stickig. Es gab überhaupt keine freien Plätze mehr und die Gänge waren hoffnungslos überfüllt. Meine Laune erreichte ihren Tiefpunkt, als ich nach ein paar Stunden die Zugtoilette aufsuchen musste. Sie war unglaublich verdreckt. Diese Leute konnten mit der dekadenten Einrichtung einer Kloschüssel offenbar gar nichts anfangen - in ihrer Heimat wurde auch in den Toiletten der vornehmsten Häuser nur ein Porzellan-Bodenloch für die Notdurft gebaut, über das man in die Hocke gehen musste. So kletterten sie auch hier im Zug alle auf die schmale Schüssel (wie man aus den zahlreichen Sohlenabdrücken ablesen konnte), gingen in die Hocke - und "trafen" nur allzu oft daneben: die Schienen waren miserabel und der Zug wackelte unentwegt. Die wenigen künftigen Aufenthalte auf den Bahnhöfen größerer Städte verbrachte ich dann nach einem kurzen Sprint meist auf den Orten mit den relativ sauberen Bodenlöchern.

Der Urlaub verlief problemlos, obwohl das Wetter nicht ganz mitspielte. Es gab häufig Regen, einmal sogar ein richtig schweres Gewitter mit beeindruckendem Wellengang; an den wenigen sonnigen Tagen blies ein unentwegter, starker Wind, ich glaube, es muss der berüchtigte "Bora Bora" gewesen sein. Die größte Freude bereiteten uns die "fliegenden" Verkäufer, die jeden Tag am Strand (an dem wir auch zelteten) ihre Waren feilboten: Einen deftigen, luftgetrockneten Schinken, riesengroße Scheiben frischen Mortadella, lange Baguette-Stangen und vor allem herrliche, große, süße und saftige Pfirsiche. Alles zu erschwinglichen Preisen: zumindest kulinarisch war diese Reise ein voller Erfolg.

Auf der Rückfahrt am 21. August war die Laune im Auto gut. Wir freuten uns wieder auf die Segnungen der Zivilisation (eine richtige Toilette!, ein warmes Bad!) und auf unser gemäßigtes Klima ohne den Bora-Bora-Sand zwischen den Zähnen. Dem fürchterlichen Brauch tschechischer Touristen entsprechend wurde während der Fahrt lauthals gesungen. Die unsäglich abgegriffenen, oft anzüglichen "Volksweisen" wollten kein Ende nehmen. Zugegeben: sie verkürzten etwas die lange Fahrt durch die schier endlosen Wälder der rumänischen Karpaten, die ich diesmal vom Boden aus betrachten konnte. Am späten Nachmittag erreichten wir endlich die österreichische Grenze: Balkan ade!

"Wo fohr´n S´ hi´?", musterte uns der Zollbeamte unentschlossen.
"Nach Hause!", strahlten wir ihn mit aufrichtiger Freude an.
"Wos?! Nachhoos?!"
"Ja, ja, ja, la, la, la!" Das Trillieren wollte nicht mehr aufhören.
"Nachhoos zu die Russen, ha?!!"
"La, la, la, ja, ja, ja! - Wie? Zu welchen Russen?!" Nun staunten die Wageninsassen.
"Jo, hob´n S´ denn gor kaa Radio net g´hört?"
"Nein, nein, nein, wir haben, wir haben, gesungen, la, la, la!"
"Na, do hob´n S´ wos verpaaaßt!", schüttelte der brave Mann den Kopf und wurde vertraulich: "Die Ruuß´n san bei eich einmarschiert, net?"
"Wie, was, wo: Russen?"
"No jaa, eeh!"
"Machen Sie Witze?"
"Naa! Ihr braachts bloß den Radio aanmoch´n, dös hört ihr dann scho´!"

Die gute Laune wich schlagartig einem abgrundtiefen Entsetzen. Die Russen beendeten mit Militärkraft den friedlichen Versuch eines kleinen Volkes, die Gesellschaftsstrukturen vernünftig zu gestalten. Damit hatte niemand gerechnet. Der Große Kommunistenbruder Breschnjew haut dem Kleinen Kommunistenbruder Dubček gnadenlos in die Fresse. Wie vom Blitz getroffen, saßen wir regungslos im Auto und hörten die aufgeregten Meldungen aus Wien. Die Wortfetzen, die wir uns irgendwie übersetzen konnten, bestätigten die Aussage des Grenzers. Er wollte - völlig artuntypisch - unser Auto gar nicht nach Konterbande durchstöbern und gab uns sogar die mitleidige Empfehlung, uns in einem Auffanglager in Wien zu melden, falls wir nun doch nicht in die Heimat zurückwollten.

Jetzt war guter Rat teuer. Wir saßen auf einem Parkplatz kurz hinter der Grenze und nagten gedankenverloren am saftigen Fruchtfleisch der aus Varna mitgebrachten Pfirsiche herum. Bald versammelten sich dort mehrere Autos mit entsetzten tschechischen Urlaubern. Manche hatten bereits mit den Angehörigen zu Hause telefoniert, manche im Autoradio die Kurzwellensendungen des Prager Rundfunks gehört. Allmählich konnte man sich über die Ereignisse des Tages ein Bild machen. Noch vor Morgengrauen waren Panzer in die schlafende Tschechoslowakei eingefallen. Die Verbände des Warschauer Paktes, vor allem Russen, Polen und Ostdeutschen, hatten die strategisch wichtigen Gebäude der Hauptstadt besetzt. Es gab vereinzelt Schießereien und ein paar Tote. In der offiziellen Begründung aus Moskau hieß es, einige Genossen in Prag hätten um diese "Hilfe" schriftlich gebeten, nachdem die "konterrevolutionären Kräfte" die Macht an sich zu reißen gedroht hatten. Panzer: Wie 1956 in Budapest. Nur - in Ungarn wurde bereits geschossen und die "konterrevolutionären Kräfte" wollten tatsächlich mit Gewalt die Kommunisten zum Teufel jagen. Die Tschechoslowakei hingegen schlief friedlich, als man sie heimtückisch besetzt hatte.

Die Mehrheit der auf dem österreichischen Parkplatz versammelten Landsleute fasste ziemlich bald den Entschluss, nicht in die Heimat zurückzukehren. Die politische Entwicklung war vorauszusehen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ade. In den Staub mit euch, ihr revisionistischen Hunde! Leckt dankbar und ergeben den Stiefel des Großen Bruders und Befreiers!

Für meine Gastgeber hingegen kam die Emigration aus den unterschiedlichsten persönlichen Gründen nicht in Frage. Sie wollten sofort und schnellstmöglich zurück. Ich bat sie, mich bei meiner entfernten Verwandtschaft bei Wien abzusetzen. Das Risiko einer Autofahrt durch ein militärisch soeben überfallenes Land schien mir zu hoch. Niemand wusste, ob es nicht zu einer bewaffneten Konfrontation kommen würde. Niemand wusste, wie sich die Amerikaner und die NATO verhalten werden, niemand wusste, ob die tschechische Armee stillhalten wird. Ich konnte mir auch durchaus vorstellen, dass Teile der aufgebrachten Bevölkerung einem hoffnungslosen Heldentum verfallen und Straßenkämpfe veranstalten werden.

Bei meiner besorgten "Tante" (es war die Nichte einer Cousine meiner Urgroßmutter oder so etwas) angelangt, telefonierte ich nach Hause, um mit meinen Eltern das weitere Vorgehen abzustimmen. "Bleib draußen, wenn und solange du kannst. Hier geht es chaotisch zu, es gab auch Tote in Proßnitz, weil jemand die Straßenschilder umgedreht hatte und die Russen, die mit ihren Panzern von Olmütz nach Brünn wollten, zweimal um die Stadt gefahren sind. Bei der dritten ´Rundfahrt´ haben sie wütend auf alles geschossen, was sich bewegte. Und da wollten wir gerade die Olmützer Straße überqueren! Wir versteckten uns in der Nische einer Haustür und die Kugeln sind uns um die Ohren geflogen!", lautete der Ratschlag und Lagebericht meiner Mutter. Sicher gab es da einen instinktiven Impuls, sofort nach Hause zu rennen, um auf der Seite der bedrohten Familie und Heimat dem Feind mit tapferem Zorn ins Auge zu schauen. Dann kam aber die Vernunftüberlegung: Der Feind macht sich breit, nistet sich in deiner Heimat ein, macht den Käfig zu und dann - "In den Staub mit euch, ihr revisionistischen Hunde!"

Ich beschloss also, zumindest vorläufig in Österreich zu bleiben. Eine Zahnbürste hatte ich ja dabei, und außerdem noch die leichte Sommerbekleidung, welche ich anhatte. Sonst eigentlich gar nichts. Die Verwandtschaft - aus insgesamt drei Familien bestehend und untereinander ziemlich schlimm verkracht - kümmerte sich in der nächsten Zeit rührend um mich und gab mir durchaus zu verstehen, dass ich mich auf sie verlassen konnte. Es wurde die Möglichkeit eines Studiums auf der Wiener Musikakademie eruiert: einen Komponisten würde wohl die mangelhafte Sprachbeherrschung noch am wenigsten behindern. Ich könnte dann später immer noch die Musikwissenschaft fertig studieren.

Bei meinen Erkundungen der Hauptstadt Österreichs sah ich mich auch in einem Schallplattenladen um. Damals erreichte meine Bewunderung für den amerikanischen Pianisten Dave Brubeck ihren Höhepunkt, in der Tschechoslowakei aber war keine einzige Platte mit ihm erhältlich. Die behäbige, konkurrenzlose, staatliche Industrie in meiner Heimat brachte vielleicht alle drei, vier Monate eine einigermaßen interessante Neuerscheinung zustande. Neu war dabei freilich nur die Präsenz auf dem heimischen Plattenmarkt; die Aufnahmen selbst, vor allem die ausländischen Aufnahmen, waren meist vier, fünf, sechs Jahre alt. Und Dave Brubeck war gerade hoch aktuell, weil seinem Quartett mit dem Titel "Take Five" ein - in der Jazzmusik recht seltener - Welthit gelungen war. Es war also zu erwarten, dass seine Aufnahmen nicht so schnell in Prag zu kaufen sein würden. (Damals verstand ich die Verzögerung überhaupt nicht; heute weiß ich, dass unsere Firma Supraphon die Veröffentlichungslizenzen im Zuge der "Zweit-" oder "Drittauswertung" der Originalrechte - wie man den Versuch der Produzenten, schließlich seine Aufnahmen auch an Billiganbieter zu verhökern, nennt - für ein Butterbrot erwerben konnte. Man hatte es also keineswegs eilig.)

Die Tristesse der tschechischen Plattenläden vor Augen, in denen ein paar Dutzend verstaubte Ladenhüter im Rücken von teilnahmslosen Verkäuferinnen stumm ihr hoffnungsloses Dasein fristeten, näherte ich mich einem bekannten Schallplattengeschäft auf irgendeiner Wiener Hauptstraße. Schon aus einiger Entfernung hörte man die satten Klänge einer tollen Stereoanlage und sah die bunten Umschläge der neuesten Aufnahmen auf mehreren Ständern vor dem Laden. Freundliche und fachkundige junge Verkäufer und Verkäuferinnen erkundigten sich nach den Wünschen der Kundschaft. Dave Brubeck? "Bitte sehr!" Eine fesche kleine Blondine führte mich zu einem Regal in dem es - ich glaubte meinen Augen nicht - etwa sechs oder sieben verschiedene Langspielplatten des Meisters zu kaufen gab. Zu Preisen, die für die Österreicher - meine Tante hatte mich inzwischen über die Gehälter oder Einkommen der einzelnen Familienmitglieder aufgeklärt - geradezu lächerlich waren. Oh ja, ein klarer Beweis für die historische Überlegenheit des Sozialismus über den verfaulenden Kapitalismus, dachte ich befriedigt, und kaufte für mein ganzes, von der Tante spendiertes Taschengeld drei wunderbare Brubeck-Platten ein.

Auch in einer Musikalienhandlung war ich zu Besuch. Es gab dort nicht nur eine riesige Noten- und Musikbücher-Abteilung, sondern auf mehreren Etagen auch Musikinstrumente zu bestaunen. Ich wollte sehen, wie dieser Laden mit Orgeln bestückt ist. Aus Erzählungen der Prager Jazzkollegen wusste ich, dass sich in Prag eine einzige Hammondorgel befand. Sie gehörte einer alten Frau, welche zu ihr wie die Jungfrau zum Kind gekommen war: Ein verstorbener Onkel aus Amerika soll ihr dieses grüngestrichene Monstrum (das vielleicht seine Jagdhütte irgendwo in den Rocky Mountains weiland geschmückt hatte) vererbt haben. Es stand lange Zeit unbenutzt in einer Abstellkammer, bis es ein musikliebender und geschäftstüchtiger Verwandter der alten Dame entdeckte. Er verbreitete die Kunde von dieser Kostbarkeit unter Prager Pianisten und bald wurde die Orgel zum begehrten Leihinstrument, vor allem für Musikaufnahmen jeder Art. Die alte Dame ist dabei unverhofft beinahe reich geworden.

Eine einzige Hammond in ganz Prag. Und hier? Waren es fünfzig, hundert, zweihundert Orgeln? In einem einzigen Geschäft von Wien? Sie waren schwarz, braun, blau, grau, rot, sie waren klein, mittel, groß, sie waren von den Firmen Hammond, Vox, Hohner und wie sie alle hießen. Oh ja, Genossen, die Verwirklichung ihres weitverbreiteten Slogans "Einholen und überholen!", mit dem ihr die Aufgabe der tschechischen Bevölkerung in Bezug auf den Kapitalismus klar abgesteckt habt, wird euch noch viel Mühe und Kopfzerbrechen bereiten! -

Ich weiß nicht mehr genau, wie lange ich in Österreich geblieben bin - vielleicht drei, vier Wochen. Danach entschloss ich mich doch, zurück zu fahren. Die Gründe dafür waren nicht verstandesmäßiger Natur: Es war wohl in erster Linie das Zugehörigkeitsgefühl, dass mich über die damals noch relativ durchlässige Grenze trieb. Mein Volk, meine Heimat - ich verlasse euch nicht, wenn man euch in den Staub geworfen und mit groben Stiefeln getreten hat!


Zum Seitenanfang

LXXXIV.

SCHWANGERSCHAFT MIT HÖRSTURZ

Das Jahr 1983 begann für mich nicht gerade erfreulich. Ich war immer mehr verliebt in Andrea, mein erstes Kind (also du) war im Werden begriffen und ich hatte beruflich sehr viel zu tun. Mein ständig steigender Zigarettenkonsum bezeugte deutlich, dass ich mit der Bewältigung der Situation immer mehr Probleme hatte.

Bereits vor nicht einmal einem Jahr hatte ich die ersten Folgen meiner beruflichen Belastung deutlich zu spüren bekommen. Der damals auf dem Gipfel seines Ruhms stehende Fernsehmoderator Joachim Fuchsberger beauftragte mich mit dem Arrangieren einer Langspielplatte für seinen singenden und komponierenden Sohn Thommy. Es war eine sehr angenehme Zusammenarbeit mit den beiden und ich bemühte mich nach Kräften, die musikalisch manchmal nicht gerade umwerfenden Lieder des Juniors durch Kunstückchen in der Instrumentierung aufzuwerten. Ich erinnere mich daran, als ob es heute Nacht gewesen wäre: Für ein moritatenähnliches Lied wählte ich - obwohl wir eine Pop-Platte machten! - als Begleitung fünfzehn Holzblasinstrumente. Hui, das waren aber viele Noten! Die Musiker der Münchner Philharmonie waren für zehn Uhr ins Studio bestellt, ich war um vier Uhr früh mit dem Ausschreiben der Stimmen fertig. Und danach? Nicht ins Bett, oh nein! Einen starken Kaffee trinken und einen Klavierauszug von einem Lied nach Gehör herausschreiben (das versprach ich einem befreundeten Verleger und dieser Auszug musste am gleichen Tag zu einem Liederwettbewerb eingereicht werden).

Kurz nach acht Uhr machte ich den letzten Doppelstrich und wollte ins Bad, um mich zu waschen und zu rasieren und für den recht langen Weg ins Arco-Studio vorzubereiten. Plötzlich verspürte ich einen starken Druck im linken Ohr und hörte auf der linken Seite nur noch ganz schwach. Das auch noch! Schon wieder ein "Ohrenschmalzpfropf"! Jetzt muss ich also unterwegs ins Studio auch noch zum Ausspülen in die HNO-Praxis!

Der joviale Arzt schaute ungläubig in meinen Lauscher und sagte dann etwas mitleidig: "Kein Ohrenschmalz zu sehen. Nach meiner Einschätzung haben Sie einen Hörsturz und sollten sich unverzüglich ins Krankenhaus begeben!"

"Was bedeutet das - ein Hörsturz?"
"Die feinen Hörnerven versagen in Folge von Überbeanspruchung, Stress, Nikotin und Koffein ihren Dienst, weil ihre Durchblutung gestört ist. Wenn Sie also nicht sofort ins Krankenhaus gehen, kann das unter Umständen die Taubheit bedeuten."

Und wie schnell ich im Krankenhaus war! Gottlob verschwand die stressverursachte Symptomatik bereits nach knapp zwei Stunden, nachdem sich die erste Infusionsflasche langsam geleert hatte. Die Ärzte empfahlen mir, mindestens eine Woche in ihrer Obhut zu verbringen. Ein erneuter Hörsturz wäre für das Ohr nicht zu verkraften. Also blieb ich liegen, die Produktion musste vertagt werden, von den Fuchsbergers kam eine prächtige Champagnerkiste mit den besten Genesungswünschen - aber der plötzliche Stillstand kostete mich viel Kraft. Ich kam mir vor wie der Motor eines Rennwagens, der plötzlich, aus voller Fahrt, zum Stehen gezwungen wird und ohne den kühlenden Fahrtwind nun zu verbrennen droht.

Man versuchte, mir die Langeweile durch diverse Untersuchungen zu verkürzen. So kam es auch zu einer denkwürdigen Ultraschalluntersuchung. Diese Technik, angeblich weitaus schonender als die Untersuchung mittels Röntgenröhre, steckte damals in den Kinderschuhen. Mir wurde eine Abdomen-Untersuchung verordnet, warum auch immer.

Zwei junge Ärzte fuhren in einer Dunkelkammer mit einem duschkopfähnlichen Gerät an meinem Bauch hin und her und murmelten dabei unverständlich und leise wie zwei Magier; der kleine schwarzweiße Bildschirm tauchte den Untersuchungsraum in ein geheimnisvolles Licht. Eine schwarze Messe auf dem Altar der Wissenschaft! Und ich als Opferlamm ...

"Jawohl, Herr Kopfmüller", der kleinere der beiden Ärzte legte mir seine Hand väterlich auf die Schulter, obwohl er ziemlich sicher sieben, acht Jahre jünger war als ich, nachdem ich mich wieder anziehen und den Raum verlassen durfte, "die Diagnose Ihres Hausarztes müssen wir leider im vollen Umfang bestätigen. Sie haben eine klar erkennbare, bereits sehr fortgeschrittene Leberzirrhose!"

"Mit zwei winzig kleinen Einschränkungen vielleicht", antwortete ich gebührend zerknirscht.
"So? Mit welchen denn?" Das ungeduldig autoritäre Gehabe der "Götter in Weiß", welches jeden Einwand oder gar Widerspruch strafend disqualifiziert, beherrschte der Bursche schon ganz passabel.
"Erstens heiße ich Ritschahnek und nicht Kopfmüller und zweitens lautete die Diagnose keineswegs Leberzirrhose, sondern Hörsturz!"
Der anschließende Anblick der zwei Heilkunstadepten war unbeschreiblich schön.

Dieser Hörsturz war also der erste "Warnschuss". Die Steigerung kam etwa drei Monate vor deiner Geburt. Eines schönen, frühen Sonntagmorgens hörte plötzlich mein Herz zu schlagen auf. Schnelle, unkoordinierte Zuckungen und Vibrationen des Herzmuskels waren die einzigen Anzeichen seiner Tätigkeit. Ziemlich erschrocken machte ich mich schnell zurecht und ging, mich an den Gartenzäunen festhaltend, zu Fuß in das nicht weit entfernte Krankenhaus. Das Personal der Notaufnahme schlief zwar nicht, obwohl es noch nicht einmal sechs Uhr früh war, arbeiten wollte es aber zu dieser unchristlichen Uhrzeit auch nicht gerade. Man ließ mich etwa eine Stunde warten mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit der Betreuung von frischen Notfällen, bis ich, wutentbrannt, schrie, ich sei selber ein Notfall und wolle sofort die Klinikleitung sprechen. Danach bekam ich gnädig und beleidigt ein langes Formular zum Ausfüllen.

"Zum Teufel mit dem Formular! Ich bin hier am Abkratzen und Sie wollen meine Personalausweisnummer!" Bei meinem Wutausbruch schmerzte der Brustkorb schön stark, die Verwaltungsmitarbeiterin reagierte gereizt: "Ja mei, entweder Sie füllen diesen Fragebogen vollständig aus, oder Sie kommen hier net nei!"

Zähneknirschend verbrachte ich eine Viertelstunde mit dem Aufschreiben der Personalien sowie mit dem Erstellen der Selbstdiagnose, dann gab ich das Elaborat ab. Das Fenster der Notaufnahme wurde mir vor der Nase zugeschlagen und ich musste wieder warten. Gegen acht schlenderte ein verschlafener junger Arzt in das Wartezimmer und forderte mich auf, mitzukommen, wenn´s denn noch ginge. Wir fuhren in die unterirdischen, grün gestrichenen Gänge des großen Krankenhauses. Ich wurde in einen relativ großen, ebenfalls grün gestrichenen Raum geführt, der wie ein Warteraum vor den Operationen aussah. Dort durfte ich mich auf eine Liege hinlegen und wurde mit einem Stethoskop lange und sorgfältig abgehört.
"Warten Sie bitte einen Moment, ich bin gleich wieder da." Der Arzt entfernte sich schnell und leise.

Die Zeit wollte nicht vergehen, der Arzt kam nicht zurück. Im Liegen war mein Zustand eigentlich erträglich, die Sauerstoffzufuhr war zwar nicht optimal, es reichte aber zum Überleben. Die große Bahnhofsuhr über der Tür hielt die Minuten zurück. Die Intervalle zum nächsten "Klack" wurden immer länger, obwohl sie ständig nur die eben vergangenen Minuten ankündigten. Zwanzig Minuten, vierzig Minuten, eine Stunde . . . Der Arzt kam nicht zurück. Langsam kam ich mir vor wie in einem Kafka-Roman. In einem riesigen Gesundheitsgebäude vergessen und zum Sterben verurteilt. Aufstehen und Hilfe holen - dazu hatte ich keine Kraft. Und ich hörte draußen, am Gang, kein einziges Geräusch. Sonntagmorgen eben!
Kurz vor zehn machte der Arzt die Tür wieder auf. Er war zu meiner Überraschung allein, blieb noch in der Tür erschrocken stehen und starrte mich ungläubig an. "Sind Sie in Ordnung oder kann ich Ihnen irgendwie helfen?", fragte ich ironisch. "Das gibt es doch nicht!" Der erbleichte Arzt eilte zu mir und zückte erneut das Stethoskop.

"Um ehrlich zu sein, vor zwei Stunden war ich der festen Überzeugung, Sie hätten keine zehn Minuten mehr zu leben. Nach meinem Wissenstand führt ein Vorhofflimmern, und das haben Sie ohne jeden Zweifel, in den allermeisten Fällen zum raschen Ableben. Ich sah zur Sicherheit oben, in meinem Arbeitszimmer, noch einmal in der Literatur nach und fand dort die Bestätigung meiner Prognose. Also beschloss ich, den Chef wenigstens am Sonntag einmal ausschlafen zu lassen. Jetzt muss er jeden Moment kommen - und Sie leben immer noch!" "So eine Sauerei!" Meine Antwort war wenigstens zweideutig; eindeutiges Erwürgen dieses Mediziners wäre viel besser gewesen. Das hätte ich aber kräftemäßig nicht fertig gebracht, also herrschte ich ihn an: "Ich hoffe, jetzt unternehmen Sie aber schleunigst etwas, sonst mache ich Ihnen einen Dampf, dass sie es nie vergessen werden!"

In dem Ton hätte ich schon vor vier Stunden ankommen sollen, erst jetzt erwachten sämtliche Aktivitäten dieser traurigen Gestalt. Ich wurde in die Kardiologie geschoben, unterwegs wurden Anweisungen gerufen, der Chefarzt schüttelte mir besorgt die Hand. Man würde für mich sofort ein Bett auf der Intensivstation bereitstellen, mehr als mich beobachten könne man aber vermutlich nicht.

Als ich das große Zimmer voller Messgeräte erblickte, stand ich augenblicklich auf: "Meine Herren, ich habe das Vorhofflimmern bereits seit vier Stunden und lebe immer noch. Auf weitere zwei Stunden kommt es also nicht mehr an. Ich gehe jetzt nach Hause, um meinen Schlafanzug und die Zahnbürste zu nehmen, aber vor allem deshalb, damit ich die zwanzig Termine, die ich nächste Woche wahrzunehmen habe, absagen kann. Auf Wiedersehen, meine Herren!"

Die Aufregung war groß, die Einwände gelehrt, ich ließ mich aber von meinem Vorhaben nicht abbringen, unterschrieb einen Revers und verließ erhobenen Hauptes und nach Luft schnappend diese Anstalt.

Es waren zwar keine zwanzig, sondern vielleicht nur sechs, sieben Termine, die ich absagen musste, es dauerte aber trotzdem fast bis dreizehn Uhr. Ein paar Sekunden nach dem Auflegen des letzten Telefonats fing mein Herz wieder ganz normal zu schlagen an.

Ins Krankenhaus ging ich nicht mehr, eine ergebnisreiche Abdomenuntersuchung hatte ich ja bereits hinter mir. Und beobachten konnte ich mich notfalls selber. Das Krankenhaus stellte trotzdem meiner Versicherung DM 2.000,- für die "Bereitstellung der Intensivstation" in Rechnung. Nun ja, auf die arme Versicherung sollten bereits schon nach zehn Jahren noch ganz andere Summen zukommen!

Zum Seitenanfang