zurück

LESEPROBEN

 


Über die Wahrheit

Ende Mai 2006 besuchte mich Miloš Kvapil ein paar Tage in München. Seinem Wunsch entsprechend verbrachten wir einen Abend bei seinem ehemaligen Philosophie-Universitätsprofessor, dem bereits fünfundsiebzigjährigen Karel Mácha, „Miterfinder“ der sog. „integrativen Anthropologie“ und Autor zahlreicher historischer und philosophischer Bücher, dessen Lebensgefährtin, Frau Blanka Frisch-Béji, uns leckere Speisen und heißen Bigband-Jazz kredenzte. Zum Abschluss der schönen Begegnung wurde ich von Prof. Mácha mit einem Band beehrt, der 2001 zu seinem siebzigsten Geburtstag in Brünn herausgegeben wurde. Ich bedankte mich mit folgendem, auf Tschechisch geschriebenem Brief:

6. Juni 2006

Verehrter Herr Professor Mácha,
ich möchte noch einmal auf den Abend zurückkommen, den ich die Ehre hatte mit Ihnen, Frau Béji und Dr. Kvapil zu verbringen. Ich lese seitdem in dem Sammelband, der zu Ihrem siebzigsten Geburtstag herausgegeben wurde, und den Sie mit einer lieben Widmung versehen haben. Weil diese Widmung ein wenig ungenau ist - sie lautet u. a. „dem Musikwissenschaftler Karel Ricánek“ -, beeile ich mich mit einer korrekten Vorstellung. Ich versichere Sie, dass ich mich nach der Unterbrechung meines Studiums der Musikwissenschaften an der Prager Philosophischen Fakultät im neunten Semester, also im Herbst 1969, keine halbe Sekunde mehr diesen interessanten Wissenschaften gewidmet habe. Obwohl ich die ersten zwanzig Jahre nach der Emigration vor allem als ein gut bezahlter und relativ erfolgreicher Arrangeur der Popmusik tätig war, halte ich mich selbst vor allem für einen Komponisten. Das ist wahrscheinlich meine wahre Sendung auf diesem Erdenrund, in dieser Inkarnation, auch wenn ich den Mut, diese mit vielen Entsagungen verbundene Laufbahn einzuschlagen, erst in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gefunden habe. Ich lege Ihnen deshalb eine von meinen CDs bei, zusammen mit einigen Anmerkungen, geschrieben und nach Hamburg geschickt an einen der mitnichten zahlreichen Fans meiner Musik.

Bei der Lektüre Ihres beachtenswerten Sammelbandes sprang mir ein Satz geradezu ins Auge. Im Gespräch mit Břetislav Horyna Zur tschechischen Philosophie sagen Sie (auf Seite 31): „Und doch, ich kann keinen Millimeter weichen, Verzeihung, so wurde ich geboren, ich bin ausschließlich für Wahrheit ohne Beifügungen, für die einzige Wahrheit.“ Einzige Wahrheit? Milan Kundera schreibt Folgendes: „Als Gott den Platz verließ, von dem aus er das Universum und seine Werteordnung gelenkt hat, von dem er das Gute vom Bösen getrennt und jede einzelne Sache mit einem Sinn erfüllt hat, da hat Don Quijote sein Haus verlassen und konnte die Welt nicht erkennen. Ohne Anwesenheit des höchsten Richters zeigte sich plötzlich die Welt in ihrer ganzen verräterischen Mehrdeutigkeit; die einzige göttliche Wahrheit zerfiel in hundert relative Wahrheiten, am denen die Menschen partipizierten. So entstand die Neuzeit und mit ihr der Roman, ihr Abbild und Modell.“ (Zneuznávané dédictví Cervantesovo, Brno 2005, Seite 13. Es kam hier zum ersten Mal [!] Kunderas eigene tschechische übertragung der besten zwei Kapitel aus seinem mehr als zwanzig Jahre alten Buch Die Kunst des Romans heraus.)
Ich habe den Eindruck, dass sowohl Sie als auch Milan Kundera dem lieben Herrgott irgendwie einreden wollen, er sei der Rechteinhaber an der Einzigen Wahrheit, beziehungsweise dass die Einzige Wahrheit existieren kann oder konnte. Das halte ich für eine typisch menschliche Reduktion! Warum sollte sich der größte aller Künstler mit einer einzigen Wahrheit zufrieden geben? Es gibt doch die Wahrheit der Katze und der Maus, die Wahrheit des Poeten und des Bauern, des Philosophen und des Komponisten, des Metzgers und des Bäckers usw. usf. Einzige Wahrheit? Warum denn? Wenn Abertausende Arten von Insekten geschaffen wurden, warum soll die Wahrheit einzig sein? Müssen wir Gott vom Anteil an den hundert relativen Wahrheiten der Neuzeit a priori ausschließen? Warum? ER ist ein vollkommener Künstler! Er ist derart vollkommen, dass er sogar würfelt! Dem entsetzten Aufschrei Albert Einsteins zum Trotz! Die kleinsten Teilchen der Materie oszillieren zwischen Masse und Energie. Warum sollte Gott nicht würfeln dürfen? Wenn bereits moderne Komponisten das Prinzip des Würfelspiels für eine Kompositionstechnik verwenden, die Aleatorik genannt wird? ER ist ein derart vollkommener Künstler, dass ihm die subtilsten Beweise seiner unerreichbaren Meisterschaft vollauf genügen: Dass alle Elektronen im Universum exakt die gleiche Masse haben, das ist für mich ein solcher Beweis. Und: Sollte nur eine einzige Wahrheit geschaffen worden sein, so wäre die Gefahr groß, dass sie eines schönen Tages von der Menschheit - die ja ziemlich von Anfang an nach dem Apfel der Erkenntnis gierte - entdeckt wird. Und damit wäre wohl alles vorbei. Wozu eine Welt ohne Geheimnisse? Nein, ER ist zu klug. Und lächelt, wenn er uns beobachtet. Kundera behauptet sogar, dass er lacht, wenn er uns denken sieht.
Unlängst las ich einen Artikel über den Erfinder von LSD, den Schweizer Chemiker Albert Hofman, der im vergangenen Januar geistig und körperlich frisch und munter seinen hundertsten Geburtstag feierte. Darin stand, der Schriftsteller Aldous Huxley hätte seine Erlebnisse beim Drogenkonsum mit der Ansicht reflektiert, unser Gehirn sei eine leistungsfähige Maschine zur Reduktion und zum Filtern der Wirklichkeit, weil die Welt faktisch genauso bunt, farbig und strahlend sein könne wie bei der Einwirkung von Drogen. (Huxley konsumierte vorwiegend Meskalin, das angeblich eine ähnliche Wirkung wie LSD hat, um seine krebsbedingten Beschwerden und Schmerzen zu lindern. Erst am Ende hat er sich LSD intramuskulär spritzen lassen.) In dem Artikel über Hofman stand weiter, die Wirkung von LSD auf das Gehirn sei immer noch nicht restlos geklärt. Auf der einen Seite wird jedenfalls die Wirkung von Serotonin, also einem beruhigenden Hormon, unterdrückt, auf der anderen Seite wird die Wirkung von Noradrenalin und Dopamin, die Wachsamkeit, Aktivität, Kreativität und Phantasie anregen, massiv unterstützt. Das sind für mich, der ich ein einziges Mal an eigenem Leib die erstaunliche Wirkung von LSD erleben konnte, faszinierende Neuigkeiten, vor allem vor dem Hintergrund dessen, was mir neulich mein Freund und Hausarzt über die neuesten Untersuchungen der physiologischen Ursachen von Tinnitus erzählte: Das Ohr sei angeblich mit einem Filter ausgestattet, der sämtliche einem lebendigen Organismus immanenten Geräusche reduziert. Vom Herzschlag über den Lärm des Verdauungsapparates bis zum Zischen der Lunge oder Knacksen der Gelenke. Eine Störung dieses Filters führe wahrscheinlich zu dem unangenehmen Pfeifen im Ohr. Unser Ohr ist in der Tat ein hervorragender Filter, das wissen alle Musikwissenschaftler seit langem: Wenn wir einer Violine zuhören, filtern wir automatisch das Geräusch des auf den Saiten kratzenden Bogens heraus. Nun, was ist also Wahrheit? Wie sieht eigentlich die Welt tatsächlich aus, die wir sehen, hören, essen, reflektieren? Sind die Reduktionsfähigkeiten unseres Gehirns nicht ein Beweis für die Barmherzigkeit des Gütigsten? Und ein Lausbubenstreich zugleich, uns an der Nase herumzuführen auf unseren Wegen zur Erkenntnis?! Ich gestehe Ihnen, dass ich eine große Freude im Herzen habe, weil unser Höchster Chef so weise, klug, clever - und überhaupt: vollkommen ist!
Lieber Herr Professor, entschuldigen Sie bitte die beinahe schon unanständige Ausführlichkeit eines Dilettanten zu einem wahrlich kaum zu fassenden Thema.
Ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen vor allem feste Gesundheit.

Am 1. Juli bekam ich auf mein Schreiben eine sehr, sehr schmeichelhafte Antwort. Auf die Gefahr hin, mich dem (erneuten) Vorwurf von Eitelkeit auszusetzen, zitiere ich hier die übersetzung des Briefes. Wer will, der kann meine stille Freude über diese Zeilen gerne als Angeberei denunzieren; es wäre dann sein Problem. Die nur zu schmeichelhafte Anrede lasse ich etwas widerwillig stehen, vor allem deshalb, weil der Schreiber der folgenden Zeilen in seiner Jugend ein ausgezeichneter Klarinettist gewesen sein soll:

München, 30.06.2006

Verehrter Meister,
verzeihen Sie mir vor allem, dass ich auf Ihren bedeutsamen, umfangreichen und lieben Brief erst jetzt antworte - ich finde ihn gerade jetzt in einer Halde von Korrespondenz wieder, nachdem ich mein Semester im Schwarzwald abschloss, nach meinen weiteren Verpflichtungen in der Schweiz und auch nach einigen Tagen der Entspannung im Bayerischen Wald. Dort habe ich übrigens über die Thematik Ihres Schreibens - und vor allem über Ihre Auffassung der Wahrheit - viel nachgedacht. Ich fühle mich mitnichten dazu berufen, hier im Ton eines Lehrers zu sprechen, und schon gar nicht will ich den Brustton alttestamentarischer Propheten anschlagen (- ein häufiger Fehler derjenigen, die gerne über diese Sachen doziert haben).

Sie, in erster Linie ein Musiker, haben dazu viel mehr zu sagen als die beteiligten, doch viel zu wenig engagierten professionellen Philosophen: Sie selbst wissen am besten, was es bedeutet, charismatisch authentisch zu sein und im Bedarfsfalle nicht nur gegen den Wind, gegen die ganze Börse, sondern sozusagen gegen die ganze Welt zu gehen. - Mein Leitspruch war immer schon und ist immer noch: „Ein Philosoph ist nur dann gut genug, wenn gegen ihn die ganze Welt und die halbe Hölle steht!“ (- letztere sind natürlich die Kollegen ...) - Nun, soviel ich weiß, führt die unerbittliche Wahrheitssuche in eine tragische Einsamkeit - deshalb schweige ich lieber und denke. - Also bin ich. -
Verehrter Meister, Ihr Besuch zusammen mit Dr. Miloš Kvapil (dessen Freundschaft ich sehr schätze) war für mich eine Bereicherung und eine Belebung: Ich danke Ihnen dafür. Vielleicht werden wir uns irgendwann mal wieder sehen, in diesen ewig grünen irdischen Gefilden.
Mit allen guten Wünschen und Grüßen
in Verehrung Ihres Werkes ( - Dank für die Kassette ...)
herzlich
Karel Mácha

Nun, mit der Anrede habe ich nachträglich doch ein wenig ein Problem. Zu diesem Thema schrieb ich schon einmal, in einem Brief an die hervorragende Pianistin Dana Drápelová, die sich seit Jahren meiner Musik annimmt - ob solistisch oder in diversen Ensembles. Das Schreiben gehört wohl doch hierher:

Sonntag, 5.12.2004

Liebe Frau Drápelová,
ich schreibe Ihnen um vier Uhr früh, während einer weiteren schlaflosen Nacht. Bereits seit fünf Wochen kann ich in den Nächten nicht mehr schlafen. Daheim ist es kein Problem, dort habe ich ständig genügend Arbeit, also gehe ich um sechs Uhr früh ins Bett und stehe mittags auf. Momentan bin ich aber zu Besuch bei der „Schwiegermutter“ im Voralpenland, also fehlt mir zum Arbeiten das nötige elektronische „Werkzeug“. Deshalb komme ich endlich zu etwas, das ich schon länger machen wollte: Ihnen einen Brief schreiben. Ich warne im Voraus, es wird wohl bloß ein Nachdenken über Unwichtiges, also es passiert nichts, wenn Sie ihn ungelesen in den Abfalleimer werfen. Es ist mir klar, dass ein längeres Schreiben von mir wohl das Letzte ist, was Sie interessieren könnte, deshalb weiß ich gar nicht, ob ich es letztendlich abschicke. Dieses Schreiben ist wichtig vor allem für mich selbst. Doch Sie haben bei mir - bestimmt ohne Absicht! - einen Prozess monothematischen Nachdenkens hervorgerufen. Das haben Sie nun davon!

Ich danke Ihnen für die Ansichtskarte mit den für das Brünner Musikleben derart wichtigen Gebäuden. Sie sprachen mich auf dieser Karte mit „Verehrter Meister“ an. Und das ist der Grund meines Schreibens. Meine erste, lächelnde Reaktion war: „Schau dir die Danuschka an, wie hämisch sie ist!“ (Wenn sich jemand auf diese Art und Weise lustig über mich macht, erheitert mich das immer am meisten!) Meine zweite Reaktion war aber: „Jesus, einen Moment, Danuschka ist doch für solche Scherze eine ein wenig zu stille, ernste, gebildete, fleißige und hübsche Pianistin: Was wäre, wenn sie die Anrede zumindest teilweise ernst meinen würde?!“ Wahrscheinlich ist es auch so: Ich habe in München einen Freund, mit dem ich manchmal ausgehe, wobei ich ihm demütig als so etwas wie eine Trauerweide Dienste leiste, in die er stundenlang hineinreden kann. Es ist der bald fünfundsiebzigjährige Komponist Ivo Vyhnálek, für mich ein genialer Musiker und sonst ein großartiger Soloredner. Er befasst sich unaufhörlich mit dem Herrgott und manchmal braucht er dazu ganz dringend Publikum. Tja, und wenn ich ihn zu Hause anrufe, dann hebt manchmal seine Frau ab und ich sage dann: „Gnädige Frau, dürfte ich, bitte, mit dem Meister reden?“ Daraufhin wiehert sie zehn Minuten und schreit in den Hörer: „Er und Meister! Das also ganz sicher!“ Hier sehen Sie: Der Welt Undank! Ivo, seinerzeit Musikdirektor im tschechischen Fernsehen, schrieb ungefähr achtzehn Stunden brillantester Filmmusik - und vernichtete alle Partituren. Er wünscht, dass von ihm lediglich ein halbstündiges avantgardistisches Oratorium „Apokalypse“ aus den sechziger Jahren sowie seine Oper „Mandragora“ aus den fünfziger Jahren übrig bleiben. Und jetzt erzählt er mir bereits seit drei Jahren, dass er an einem neuen und letzten Oratorium schreibe. Auf dem Papier habe er noch keinen Strich, er habe aber das Wichtigste, nämlich den Text, im Kopf fast fertig. (Ich bewundere seine göttergleiche Ruhe: Wenn ich mir eine Komposition vornehme und dann auch noch die richtige Spucke - Pardon! - Inspiration bekomme, so würde ich am liebsten nicht mehr schlafen, bis die Partitur fertig ist. Und er weiß, dass er eine riesige Komposition schreiben will, und stochert vergnügt seit drei Jahren in winzigen Verschiebungen und Veränderungen der klassischen liturgischen Texte herum. Und danach will er dann langsam mit dem Particell anfangen. Ich würde wahnsinnig! Ein Particell schrieb ich noch nie: Bei mir geht alles direkt in die Partitur. Und mit fast fünfundsiebzig wollte ich ohnehin nichts Größeres mehr anfangen!)
Doch an der Reaktion von Frau Vyhnálková ist zu sehen, dass einen lebenden Komponisten „Meister“ zu nennen eine etwas fragwürdige Angelegenheit ist. Und dabei ist Ivo gewiss ein Meister! Er verfügt über das Talent eines Igor Strawinskij, auch über seine Instrumentationsraffinesse, doch Ivos Arbeiten sind überraschend böhmisch, voll von böhmischem Humor. Wenn ich ihn im Restaurant mit „Hallo, Meister!“ grüße, antwortet er: „Was spinnst du, du Ochs!“, er freut sich aber immer. So fasse ich auch Ihre Anrede auf, OK? Ich denke zwar auch weiterhin, Danuschka ist ein wenig hämisch, etwas erfreut bin ich aber auch.
Also gut, damit ist es also im Grunde erledigt. Was bleibt, ist die Frage, wer denn eigentlich ein Meister ist. Doch darüber ein andermal. Es ist viertel nach fünf, ich versuche die Augen zu schließen. Meine Arbeit fehlt mir, ich fing gerade damit an, einen Zyklus für gemischten Chor a cappella zu schreiben und habe ein großes Vergnügen dabei. Ein paar Minuten vor drei war hier ein relativ starkes Erdbeben. Es dauerte zwar nur ungefähr vier Sekunden, es erschreckte mich aber ganz schön in diesem kleinen Kämmerlein unterm Dach. Alles (vor allem die große Blechschachtel der nachträglich eingebauten Dusche) hat hier sehr laut - und in schnellen Sechzehntelquintolen! - vibriert; man stellte augenblicklich fest, welchen ungeheuren Kräften man hilflos ausgeliefert ist. Na denn - guten Morgen!

Montag, 13. Dezember 2004 (um vier Uhr früh)

Der erste Teil meines Chorzyklus ist in der Computer-Reinschrift der Partitur fertig, auch die Einzelstimmen sind ausgeschrieben und seit Freitag unterwegs zu den ersten potenziellen Interpreten nach Prostejov. Auch der zweite Teil ist bereits fertig, das Komponieren dauerte nur zwei Stunden (für viereinhalb Minuten vorwiegend polyphoner, heiterer Musik), die Transkription in den Rechner ungefähr dreimal so lange. Jetzt muss ich mit den Druckformatierungen beginnen, was auch wiederum drei bis vier Stunden Arbeit bedeutet. Doch habe ich Spaß daran - und bin ganz schön neugierig, inwieweit eine relativ saubere Aufführung einem Ensemble von Amateuren möglich sein wird. Professionelle Chorsänger würden darüber lachen und es vom Blatt singen. (Was ich schon mal erlebt habe: Ich nahm die Chöre der deutschen Version des Disney-Films Mulan auf. Ich engagierte dafür die Chorleute eines hiesigen Theaters - und wollte mit ihnen am Klavier die Stücke üben. Das hat sie sehr erheitert. Sie sangen in der Tat prima vista geradezu sensationell.)
Prima vista: Ich las in den Erinnerungen von J. B. Foerster über seinen Prager Besuch eines Konzertes mit irgendeinem berühmten ausländischen Sänger. Am Klavier begleitete der noch junge Karel Kovařovic (später eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des tschechischen Musiklebens), der bereits damals in Prag als Harfen- und Klarinetten-Virtuose sehr bekannt war. Nach zwei Zugaben hatte das Duo nichts weiter vorbereitet, das Publikum gab aber keine Ruhe. Also zog der Herr Kammersänger aus seinem Notenköfferchen neue Lieder eines damals zeitgenössischen englischen Komponisten und zeigte Kovarovic eines davon mit der Frage, ob es denn vom Blatt ginge. Kovařovic warf einen Blick auf die Noten und sagte zu. Also gingen sie wieder aufs Podium, und gerade als sie an Foerster, der hinter den Kulissen am Bühneneingang stand, vorbei gingen, sagte der Sänger noch völlig nebenbei: „Ich bitte Sie, das ganze eine große Sekunde tiefer zu spielen!“ Nun, Kovařovic spielte es wie nichts. Womit wir wahrscheinlich zum Kern der Sache gelangt sind. Mir ist es seit langem nicht mehr peinlich, dass Petr Eben seinerzeit die ihm unbekannten Partituren flüssig vom Blatt lesen und am Klavier spielen konnte, sofern sie nicht mehr als 17 Notensysteme hatten (!!!!). Mir ist es nicht mehr peinlich, dass ich als Pianist immer von meinem Vater „eine auf die Nase“ bekam. (Er war auch ein fabelhafter Blattspieler.) Ich akzeptiere das einfach als unterschiedliche Stufen der Talente, die von oben kommen und für die also alle „Meister“ im Grunde nichts können. Ich stellte bei mir andere Talente fest - der Oberhoheitliche Meister dachte sich sicher etwas dabei, als er sie mir in die Wiege gelegt (und mir andere verweigert) hat. In einem esoterischen Büchlein las ich gerade die Definition eines spirituellen Meisters. Das soll jeder Mensch sein, der einen Zugang zur Ewigen Quelle, also zu Gott fand, meint der Autor. Ist es aber wahr? Dann wäre doch jede Oma aus Weidhausen, die ständig in die Kirche läuft, ein spiritueller Meister, nicht wahr?! Auch sie hat doch ihren Zugang!
Ein Meister (auf allen Gebieten) ist vermutlich jemand, der einerseits über ein außerordentliches Talent verfügt und andererseits mit diesem Talent außerordentliche Sachen zu vollbringen vermag. (Mit einem Lächeln kann ich mich an das Schreiben des jungen Wolferl Mozart erinnern, der dem Vater mitteilt, wie sehr sich der gesamte Augsburger Adel samt der Gräfin Brunzgern täuschte, als er ihm bei einem Konzert für seine neue Sonate applaudierte. Eine vollkommen geformte Losung in der Pause auf der Toilette kam Wolferl weitaus applauswürdiger vor. Da haben Sie sie, die Meister!) Ich sehe bei mir weder ein besonderes Talent noch Ergebnisse sonderlicher Leistungen. Also wäre mir die Anrede „Lieber Karel“ weitaus lieber, als die mit dem Meister.
Schöne Feiertage und alles Gute im Jahr 2005 (und Dank für die Lesergeduld!)
Zum Seitenanfang