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Geleitwort zum Konzert am 04.04.2004 in Proßnitz

 

Guten Abend meine Damen und Herren, liebe Freunde, verehrte Gäste! Ich bin Karel Řičánek und will ein paar Sätze zur Einleitung des heutigen Abends sagen. Nicht deshalb, um den Ablauf zu verzögern oder um vorzuführen, wie groß die Lücken sind, die heute, nach einem fast fünfunddreißigjährigen Auslandsaufenthalt, mein tschechischer Wortschatz aufweist. Nein: Meine Absicht ist es, da ich mir den Hals extra gewaschen und sogar eine neue Krawatte angeschafft habe, den Hintergrund der heutigen Aktion ein wenig zu erhellen. Und weil ich mich kenne, so schrieb ich mir alles auf. Damit ich, erstens, nicht ins Stottern komme, und zweitens, damit ich nicht abschweife. Wenn ich aus dem Stegreif sprechen würde, so könnte es passieren, dass man erst gegen halb elf zum Musizieren käme. So, mit einer "Bumaschka" in der Hand, dauert meine Rede nur ein paar Minuten.

Abende mit Musik und Poesie erfreuten sich in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, also während meiner zarten Jugend, einer überaus großen Beliebtheit. Nach dem Vorbild der amerikanischen Beatniks, welche schon in den fünfziger Jahren zu ihren Poesieabenden bekannte Jazzmusiker eingeladen haben, entstanden auch bei uns, ja sogar in Proßnitz, zahlreiche Klubs der Poesiefreunde, in denen man einer gewissen "Opposition durch Kultur" frönte. Ich hatte die Ehre, bei diesen Abenden als Pianist mitzuwirken. Die hier anwesende Frau Jana Zikmundová, eine ebenso hervorragende wie wunderschöne Rezitatorin, war eine der Hauptprotagonistinnen der Proßnitzer "Poesiebewegung".

Ein wenig später, während meiner Studienzeit in Prag, besuchte ich einige Male ähnliche Abende in der bekannten "Poetischen Weinstube Viola". Der unübertreffliche Radovan Lukavský las dort beispielsweise "Eine Nacht mit Hamlet" von Vladimír Holan - in Abwechslung mit den vielversprechenden Auftritten des legendären "Junior-Trios", also Jan Hammer jun. am Klavier und den Brüdern Vitouš am Bass und Schlagzeug - alles einige Jahre später in Amerika weltberühmte Musiker.

Ich weiß nicht, wie es bei uns um Poesie und Jazz in den Zeiten der sogenannten Normalisierung oder nach 1989 bestellt war - dazu war ich nicht oft genug hier. Am Anfang des heißen Sommers im vorigen Jahr bekam ich aber aus Proßnitz fast gleichzeitig zwei Sendungen: es war erstens das Ansuchen einer der Solistinnen des heutigen Abends, Frau Edita Müllerová, etwas für ihr Instrument zu schreiben, und zweitens war es der letzte Band mit glänzenden Gedichten von Miloš Kvapil, meinem Freund seit mehr als einem halben Jahrhundert. Augenblicklich fiel mir ein, dass man die schöne Tradition der Verbindung von Musik und Poesie wieder aus dem Dornröschenschlaf erwecken sollte. Dieser Wunsch hatte freilich noch einen weiteren Grund, nicht nur den historisch-sentimentalen. Sergej Rachmaninow schrieb irgendwo, Poesie sei die Schwester der Musik. Und ihre Mutter sei die Melancholie. Ich würde sehr gerne diesen schönen, wenn auch nicht ganz genauen Ausspruch ein wenig ergänzen, damit wir zu dem Hauptgrund des heutigen Abends kommen:

Es ist nicht bloß die Melancholie, welche künstlerische Werke gebiert. Es ist manchmal auch Freude, ob still oder berauschend, es ist manchmal das Gefühl einer existentiellen Vereinsamung oder der Zukunftsangst. Ich würde allerdings den Einfluss einer momentanen subjektiven Gemütsverfassung auf das künstlerische Schaffen nicht überbewerten: Dieses Schaffen ist meist der Ausdruck einer ganzen, durch irgendwelche äußeren Einflüsse hervorgerufenen Summe von Erfahrungen, Gefühlen und Stimmungen des Künstlers im Moment der Entstehung des Werkes. Ich habe darüber hinaus auch den Eindruck, dass der von Rachmaninow unerwähnte Vater der Kunst der Schöpfer selbst sein könnte, der seinen Kindern den Abglanz großartiger Freude am Erschaffen neuer Strukturen zu betrachten ermöglicht - und damit auch den Abglanz eigener Herrlichkeit.

Das Wertvollste an Kunstproduktion ist für mich heute freilich die Tatsache, dass es ihr überhaupt gelang, sich der Realität abzutrotzen . . . Wir alle leben in einer Welt, die uns einzureden versucht, Lebenserfolg sei identisch mit der Menge zusammengerafften Geldes und körperlicher Genüsse, seichter Sensationen und stumpfsinniger Unterhaltung. Nach meiner Überzeugung ist es gerade die Kunst, diese in den meisten Fällen ökonomisch ziemlich unsinnige Tätigkeit, die diese oberflächliche und abwegig utilitaristische Ansicht widerlegt. Die technologische Revolution der letzten Jahrzehnte blendete unsere Sinne: sie nehmen keine Wunder mehr war. Wunder der Stille, Zärtlichkeit, Melancholie, Keuschheit oder Enthaltsamkeit, Wunder der blühenden Bäume oder der tänzelnden Schneeflocken, Wunder der Töne einer Violine, Wunder der Weltallschluchten und des zarten Spiels der Atome, Wunder inniger Kontemplation oder Wunder eines mit Liebe erfüllten Herzens: zu diesen Sachen will uns aus dem Lärm der Welt die Kunst hinführen. Denn in ihrer Wahrnehmung liegt das süße Geheimnis der existentiellen Verzauberung, des zauberhaften Staunens, der stillen Daseinsfreude und also - der Erfolg eines wahrhaft glücklichen, erfüllten und reichen Lebens, dessen Sinn höchstwahrscheinlich darin liegt, dass wir diese Welt etwas besser und weiser verlassen sollen, als wir in sie geboren worden sind.

Vergessen Sie deshalb den Alltagslärm. Halten Sie inne und hören Sie wohlwollend zu, zu welchen Ergebnissen uns unsere Inspiration verhalf. Vielleicht erfährt dadurch, meine Damen und Herren, liebe Freunde und verehrte Gäste, Ihre Seele ein wenig Läuterung . . .

An dieser Stelle will ich mich noch bei der Leitung des Theaters für die freundliche Unterstützung unseres Bemühens durch die Möglichkeit einer öffentlichen Präsentation in diesem schönen Saal herzlich bedanken. Ich danke ebenfalls für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit, wünsche Ihnen einen schönen Abend und überlasse nun die Bühne den Künstlern und Künsten!

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